Im September vor 18 Jahren stand der Wechsel von der Volksschule in die Hauptschule auf dem Programm. Die Aufregung war groß, denn alles war neu und ungewohnt. Nur meine Schulkollegen waren dieselben, mit denen ich schon in die Volksschule in die Klasse gegangen war. So kam der erste Schultag schneller als gedacht heran und siehe da, es gab eine große Überraschung für uns alle. Es wurden uns an diesem Tag nicht nur unsere neuen Lehrer und unser neues Klassenzimmer vorgestellt, wir bekamen auch eine neue Mitschülerin, ihr Name war Margreth S. Zuerst waren wir natürlich alle sehr skeptisch. Niemand hatte sie je zuvor im Bad oder in Retz auf einem Spielplatz gesehen. Sie hatte dünklere Haut als wir und konnte nicht perfekt Deutsch. Margreth war im Sommer mit ihrer Familie in eine kleine Wohnung im Kloster eingezogen. Ihre Familie musste schon damals aus Syrien fliehen, weil sie aufgrund ihrer Religion in ihrem Heimatland verfolgt und bedroht wurden - sie waren Christen.

Die ersten Schultage vergingen und wir Mädchen tasteten uns langsam an Margreth heran. Schnell stellte sich heraus, dass sie ein unglaublich liebenswertes und sehr intelligentes Kind war. Wir schlossen sie schnell in unsere Herzen und in unsere Klassengemeinschaft ein. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass Margreth aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Herkunft von den anderen Mitschülern ausgelacht oder gehänselt wurde. Für uns zählte ihre Persönlichkeit und ihre Fröhlichkeit, wir haben sehr viel mit ihr gelacht.

Wie es natürlich üblich war, wurden nach der Schule gemeinsame Geburtstagsfeste gefeiert oder Treffen zum Spielen vereinbart. Obwohl in ihrer Wohnung im Kloster nicht viel Platz war und Margreth noch weitere, kleinere Geschwister hatte, waren wir gerne zu Gast bei ihrer Familie.

Ihre Eltern waren freundlich und erlernten - genauso wie die Kinder - relativ rasch, sich in unserer Sprache zu verständigen. Margreths Vater hatte ein Buch über Syrien mitgebracht und wir betrachteten fasziniert die Bilder der Landschaft des fernen Landes. Alles sah ganz anders aus als bei uns. Margreth wurde dann manchmal traurig, sie vermisste ihre Heimat.

Die ganze Familie war ausgesprochen dankbar, dass sie in Retz einen sicheren Zufluchtsort gefunden hatte und endlich ihren Glauben ohne Angst leben konnte.

Leider musste die Familie nach einem Jahr Österreich wieder verlassen und zog in die Niederlande.

Im September blieb Margreths Sitzplatz in unserer Klasse leer. Wir hofften einige Wochen lang, dass sie vielleicht mit ihrer Familie nur auf Urlaub war - doch ihr Platz blieb leer.
Wenn ich an Flüchtlinge denke, dann erinnere ich mich an Margreth und an ihre Familie, an die große Dankbarkeit und den ungezwungenen Umgang, den wir Kinder mit diesen Menschen pflegten.

Flüchtlinge brauchen eine Chance - eine Chance auf ein besseres Leben - eine Chance auf ein Leben ohne Angst vor Krieg und Tod - eine faire Chance auf Integration.

Adventkalender

kfb Adventkalender: 12. Dezember

Pfarrbrief Aktuell

Download Aktueller Pfarrbrief
TOP