24.05.2020 - 7. Sonntag der Osterzeit Lj A 2020

Apg 1, 12-14; Ps 27 (26), 1.4.7-8 (R: vgl. 13); 1 Petr 4, 13-16; Joh 17, 1-11a
gehalten im PVB Retz 2020

Dechant Pfarrer Mag. Clemens Beirer
Liebe Gemeinde von Brüdern und Schwestern in Christus!

Wir stehen zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Wir stehen mitten drinnen – zwischen zwei Zeiten. Mitten drinnen im Übergang. Was hat diese Zeit des Übergangs damals geprägt?

 

1. Die Gemeinschaft der „Zwölf“

Jesus spricht die Jünger gemeinsam an: Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, … (Apg 1,4) Und gemeinsam kehren die Jünger nach Jerusalem zurück, gemeinsam warten sie im Obergemach.

In der rabbinischen Tradition ist das Obergemach ein Ort der Ruhe, der Erholung, des Studiums, des Gebetes und der Versammlung.

Die Jünger gehen nicht jeder für sich in ein Haus, nicht jeder für sich in sein Zimmer, nicht jeder für sich …, sondern sie bleiben zusammen. Sie bilden eine Gemeinschaft, nämlich jene, der Jesus den Heiligen Geist verheißen hatte.

In einer Zeit des Individualismus, des jeder-für-Sich, möchte ich diesen Gedanken betonen: Der Heilige Geist ist einer Gemeinschaft verheißen, der Jünger-Gemeinschaft, und setzt diese Gemeinschaft für Pfingsten voraus.

Von da könnte eine erste Betrachtung lauten: Wo ist meine Gemeinschaft, mit der ich im Gebet verbunden bin? Normalerweise wäre dies die Pfarre (Gemeinde). Doch ist es nicht oft so, dass die Gottesdienste nach den Uhrzeiten ausgesucht werden, nach dem, was gerade passt, mal da, mal dort? Dass unsere Pfarren oft gar kein Ort der Gemeinschaft sind, sondern eher eine Begegnungsstätte von Einzel­personen, die „zufälligerweise gleichzeitig am selben Ort“ auftauchen?

Der Heilige Geist ist dem Gebet einer Gemeinschaft anvertraut. Welche Kraft und Verheißung liegt also in jeder kirchlichen Gemeinschaft, die gemeinsam das Kommen des Hl. Geistes erwartet! Das sollten wir uns nicht entgehen lassen!

Doch die Jünger bilden nicht irgendeine Gemeinschaft. Lukas macht sich die Arbeit und listet ihre Namen auf: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas …. Elf Namen, weil Judas Iskariot, der Verräter, die Gemeinschaft der Zwölf verlassen hatte. Dem Zwölferkreis wurde die Gabe des Hl. Geistes verheißen. Jetzt aber sind es nur 11.

Daher wählen die Apostel einen Zwölften in ihren Kreis (Apg 2). Noch vor Pfingsten findet diese Wahl statt. Scheinbar hielten die Apostel es für notwendig, dass die Gemeinschaft komplett sei, vollständig sei, damit der Heilige Geist komme.

Wie oft unterschätzen wir die Bedeutung unserer eigenen Anwesenheit bei Gebeten, Gottesdienste …. Die Apostel sahen das anders. Wenn der Zwölferkreis nicht komplett ist, kann der Hl. Geist nicht wie verheißen kommen.

Der Beitrag eines jeden ist wichtig für dieses Gebet. Wenn Sie fehlen, fehlt etwas für das Kommen des Hl. Geistes. Von hier aus können wir auch auf die Einheit der Kirche zu sprechen kommen: Solange Protestanten, Orthodoxe, Evangelikale, Katholiken, … wir Christen nicht eins sind, nicht gemeinsam versammelt sind im Obergemach zum Gebet, fehlt etwas damit der Hl. Geist wie verheißen kommen kann. Ein jeder ist wichtig!

Der Kreis versammelt sich in der Stadt Jerusalem. In der Hauptstadt des Reiches Israels, Zentrum seiner Politik und Wirtschaft, aber auch religiöse Mitte, Heilige Stadt. Sie ist Schauplatz der Ohnmacht Gottes am Kreuz, Zeugnis vom Ende, aber auch Ort der Auferstehung. Hier hat Jesus die Macht des Todes gebrochen.

Die Jünger versammeln sich in einer Stadt, die dabei ist, das neue Zentrum eines neuen Reiches zu gebären, nicht politisch, nicht wirtschaftlich, aber religiös: Das erneuerte Israel, den neuen Tempel, die Kirche. Die Kirche ist aber kein Gebäude aus Stein, sondern ein Volk aus Menschen (vgl. 1 Petr 2,5). Dieses Volk ruht auf den 12 Aposteln auf (Offb 21,10.14). Deshalb sind die Zwölf auch jetzt versammelt. In den Aposteln wartet die Kirche auf ihre Geburt.

 

2. Sie alle verharrten dort beharrlich (proskarteréw) und einmütig (omothymadón)

Die Zwölf hielten nicht an sich selbst fest, sondern an der Verheißung. Ich stelle mir das durchaus schwierig vor. Jesus hatte ihnen ja nur gesagt, sie sollten warten.

Das war keine Haltestelle mit Tafeln, die anzeigen, dass in fünf Minuten der nächste Bus vorbeikommt. Jesus sagte nicht, wie lange das Warten dauern würde. Vielleicht waren die Jünger am ersten Tag noch voller Feuer. Schließlich hatten sie gerade die Auffahrt Jesu in den Himmel geschaut. Aber am Tag zwei, Tag drei, spätestens am Tag vier und fünf, wird es aus gewesen sein mit Gefühlen. Spätestens dann blickt man das erste Mal auf die Uhr und denkt sich: „Langsam könnte sich jetzt etwas tun.“ Und vielleicht bedrängte sie auch die Versuchung, in den Alltag zu flüchten.

Wer kennt nicht im Gebet diese furchtbaren Minuten, die nicht vergehen wollen, wo sich nichts tut, nichts rührt, …? Es ist die Zeit des Wartens, des Festhaltens. Beharrlich zu bleiben. Nicht wegzulaufen.

Die Jünger haben es durchlitten. In diesen Minuten wird der Glaube geprüft. Er wird geübt im Festhalten, im Festhalten an einer Verheißung: Geht nicht weg …, wartet auf … den Heiligen Geist (vgl. Apg 1,4-5).

Lukas verbindet mit dem beharrlichen Verharren (proskarteréw) die Einmütigkeit (homothymadón). Das kann er, weil es hier nicht um Sentimentalität geht, nicht um die Gleichheit von Gefühlen, dass sich alle so lieb und nett finden, sondern um die Gleichheit der Ziele. Die Apostel sind eins in der Ausrichtung auf die gemeinsame Verheißung. Die Herabkunft des Heiligen Geistes.

Ich bin mir sicher, dass diese gemeinsame Ausrichtung, dieses gemeinsame Ziel es ihnen erlaubte, auch menschlich Einheit zu leben. Denn Petrus hatte seine Eigenheiten, die Donnersöhne Johannes und Jakobus nicht weniger, auch Thomas war davon nicht frei, ….

So sind die Zwölf auch hier im Obergemacht nicht zuerst eine Gemeinschaft von Freunden, sondern eine geistliche Gemeinschaft: Das Wort Jesu, weshalb sie sich im Obergemach versammeln, eint sie. Ihre Berufung eint sie: „Ihr sollt meine Zeugen sein!“ (Vgl. Apg 1,8)

Hätte sie das Wort Jesu und ihre Berufung nicht geeint, sie wären an ihren menschlichen Grenzen gescheitert. Wie viele Vereine, Bewegungen, ja auch Ehen (!) drehen sich zerstörerisch um sich selbst, haben aus dem Blick verloren, was sie zusammenführte und wozu sie gerufen sind. Das gilt auch für die Kirche.

Und ich sehe Papst Franziskus als einen Hirten, der uns neu dorthin zurückführen will: dass unser Leben als Christen, als Pfarre, … vom Wort Jesu, das uns zusammenführt, und von der Sendung, seine Zeugen in der Welt zu sein, geprägt sei.

 

3. Beharrlich und einmütig waren sie im Gebet (Apg 1,14)

Es ist ein besonderes Gebet, weil es in der Bitte Jesu gründet: Geht nicht weg, … wartet … auf den Heiligen Geist (vgl. Apg 1,4). Das christliche Gebet hat immer Jesu Wort als Referenzpunkt. Wir beten von ihm her, mit ihm und zu ihm in seinen Anliegen. Die Jünger beten im Anliegen Jesu.

Wir sind gewohnt, in unseren Anliegen zu beten. Aber wozu ruft uns Jesus auf zu beten? (vgl. die Anliegen des Papstes, der Kirche, …. Vgl. die Bedeutung der Psalmen für das Gebet).

Es ist hier, dass uns Lukas auf eine weitere Gruppe von Personen hinweist, die mit den Aposteln zusammen waren: die Frauen und Maria, die Mutter Jesu, und seine Brüder (Apg 1,14). Die Jünger sind also nicht alleine. Die Frauen, die Jesus und seine Jünger begleitet hatten, an seinem Leben und Sterben Anteil genommen hatten (Lk 8,1-2; 23,49.55; 24,1.5.10), sie waren mit dabei.

Unter ihnen möchte ich Maria in besonderer Weise hervorheben. Nur am Anfang seines Evangeliums nennt Lukas sie mit Namen, als er von der Verheißung der Geburt des Messias, des Gesalbten spricht (Lk 1,27.30.34.38.39.46.56; 2,5.6.16.19.34; “deine / seine Mutter“: Lk 2,33.48.51; 8,19.20).

Jetzt, am Anfang der Apostelgeschichte, nennt er wieder ihren Namen. Als würde Maria erneut am Werk sein, damit der Heilige Geist – wie in Nazareth, so jetzt hier im Obergemach – herabkommen kann.

Der Gesalbte aber, der Christus, das Kind, das geboren werden soll, ist die Kirche, die Gemeinschaft der Gesalbten, der Christen. So wird Maria hier auch explizit als „Mutter“ angesprochen, weil hier neues Leben geschenkt wird: Leben im Heiligen Geist. Danach wird sie – wie schon im Lukasevangelium – in Demut die Bühne verlassen, um im Verborgenen ihr mütterliches Gebet für die Kirche fortzusetzen.

 

Liebe Gemeinde von Brüdern und Schwestern in Christus!

Wir stehen mitten drinnen – zwischen zwei Zeiten. Mitten drinnen im Übergang. Es ist eine entscheidende Zeit.

Es ist die Zeit der Gemeinschaft. Als Gemeinschaft zu beten, als konkrete Gemeinschaft der Kirche, der Pfarre, der Ordensgemeinschaft, der Gemeinde. 

Jeder ist hier wichtig. Niemand darf dabei fehlen. Der Gemeinschaft ist der Hl. Geist verheißen. In ihr liegt eine besondere Kraft des Gebetes.

Es ist die Zeit der Beharrlichkeit und Einmütigkeit. Lassen wir uns nicht verwirren von den Eigenheiten, die jeder von uns hat. Denken wir an das Wort Jesu und an unsere Sendung: Die Verheißung des Heiligen Geistes und die Berufung seine Zeugen zu sein.

Es ist die Zeit des Gebetes, eines Gebetes, das auf Jesu Wort gründet, seine Anliegen sich zu eigen macht, und sich mit Maria als unserer Fürsprecherin verbindet. – Amen.

Dechant Pfarrer Mag. Clemens Beirer

 


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