14.05.2020 - Von alten Filmen,
ewigen Büchern und neuen Einsichten…

PAss Maria KrimmelEs ist schon interessant…

Manchmal kann es passieren, dass man einen „uralt-Film“ im Fernsehen sieht, an dessen Inhalt man sich zwar aus Jugendtagen noch einigermaßen erinnern kann, doch beim Wieder(an)sehen liegt der Fokus des Geschehens plötzlich auf ganz anderen Personen, als das früher der Fall war.

Ich denke z.B. an die Teenager-Komödie „La Boum – die Fete“ aus den 80-er-Jahren (ältere Semester erinnern sich vielleicht…).

Damals identifizierte ich mich als Jugendliche klarerweise mit Haut und Haaren mit der blutjungen Vic und ihrer ersten großen Liebe. So „nebenbei“ waren auch die Eltern mit einer handfesten Ehekrise im Programm und es ging mit vielen Turbulenzen und Komik drunter und drüber bis zum Happy-End.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich den Film wieder gesehen, ich habe wieder gelacht und war wieder berührt von der Filmmusik, aber – seltsam – das Leben der jungen Vic war plötzlich für mich zu einem Nebenschauplatz geworden. Im Vordergrund standen jetzt ganz eindeutig ihre Eltern, deren Leben und deren Probleme. Es hat mich während des Filmanschauens erstaunt, dass man mit zunehmenden Lebensjahren und -erfahrungen offensichtlich auch einen völlig anderen Blick auf Filminhalte bekommt, so wie das bei diesem Klassiker der Fall war.

In den vergangenen „Corona-Wochen“ habe ich wieder mehr Zeit zum Lesen gefunden und dabei ein älteres Buch zur Hand genommen, das ich einmal mit großer Begeisterung gelesen hatte. Der Roman erzählt von vier sehr unterschiedlichen Frauen auf einer gemeinsamen Glaubensreise. Beim erstmaligen Lesen des Buches fand ich mich sehr stark wieder in einer dieser Frauen, die einander im Rahmen eines Kurses kennengelernt und dabei gemeinsame Erfahrungen gemacht hatten. Auch die aktuellen Alltagserlebnisse der Personen und sogar kurze Rückblicke in deren Kindheit werden darin beleuchtet – also volles Leben! Unter der behutsamen Anleitung der Kursleiterin ließen sie sich ein auf diese Glaubensreise und jede dieser Frauen erlebte auf ihre Art Heilungsschritte und neue Hoffnung. Die Lebensgeschichten dieser Frauen verwoben sich immer mehr miteinander und auch mit Gott, und sie lernten, die Zeichen der Liebe Gottes auch in den schweren Zeiten ihres Lebens zu entdecken. Ein wunderbares Buch, dem erfreulicherweise sogar noch drei Fortsetzungsbände folgten.

Während des neuerlichen Lesens ging es mir aber auch hier ähnlich wie mit dem Film:  ich fand mich kaum noch in einer der Rollen der vier Hauptpersonen des Buches wieder, sondern plötzlich stand für mich die Nebenrolle der Begleiterin dieser Kurse ganz eindeutig im Mittelpunkt der Handlung. Und mir fielen in vielen Abschnitten sogar Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten mit dieser Frau auf, die mir vor etlichen Jahren noch völlig verborgen geblieben oder nebensächlich erschienen waren.

Man verändert sich im Leben, man wächst an Herausforderungen, man lernt immer wieder Neues und dadurch verändert sich auch der Blick auf bestimmte Lebenssituationen oder Geschehnisse. Das ist gut und wichtig und ich muss lächeln, wenn ich an die verschmitzte Antwort eines 90-jährigen Konzertpianisten denke auf die Frage, warum er denn immer noch täglich am Klavier übe: „Weil ich merke, dass ich Fortschritte mache!“ (- diese Lebenseinstellung erinnert mich an unseren unvergesslichen Otto Filipsky Lächelnd!).

Sehr oft erlebe ich das Phänomen eines „Blickwechsels“ auch beim Lesen und Beten von bestimmten Bibelstellen. Die Heilige Schrift, bestehend aus vielen einzelnen Büchern, wimmelt ja nur so von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen und Herausforderungen. Viele biblische Geschichten sind gut bekannt, einzelne Stellen hat man vielleicht schon so oft gehört oder gelesen, dass man fast auswendig mitsprechen kann. Und auch hier kann es geschehen: plötzlich sieht man eine vertraute Handlung mit „neuen“ Augen, man schlüpft in eine andere Rolle oder identifiziert sich mit anderen Menschen als bisher. Es kommt offensichtlich sehr auf den ganz individuellen Lebenskontext an, in dem man sich gerade befindet, um sich in bestimmte biblische Situationen hineinzubegeben. Ein Beispiel?

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn
und vom barmherzigen Vater.

(Lk 15,11-32)

Wie oft habe ich es gehört, gelesen, mit Kindern dargestellt, darüber meditiert oder Ähnliches. Lange Zeit stand für mich der jüngere Sohn im Mittelpunkt, der einfach losmarschieren und seine eigenen Erfahrungen machen wollte.

Später war es der ältere Sohn, mit dessen selbstgerechter Haltung ich mich – oft erschrocken auch im Namen der Kirche – identifizierte.

Danach sah ich das Heimkehren des reumütigen Sohnes in die väterlichen Arme wieder mit anderen Augen und schließlich war es die Figur und vor allem die Haltung des Vaters, die mich völlig in den Bann zog: das schmerzliche Loslassen des geliebten Sohnes in dessen selbstgewählte Freiheit, das ständige nach ihm Ausschau halten und sich sorgen, das freudige ihm Entgegenlaufen mit weit geöffneten Armen…

Wir wissen, wie dieses wunderbare Gleichnis von Jesus ausgeht!

Beten mit Geschichten, sich gedanklich hineinbegeben in verschiedene Rollen, sie verknüpfen mit lebenden Personen und aktuellen Geschehnissen unseres eigenen Lebens – das ist immer wieder neu und spannend und vor allem eine sehr wertvolle Erfahrung: denn nicht mehr ich lese in der Bibel, sondern die Bibelverse lesen mich – und sie verändern mich...  

Vielleicht kann mein heutiger Artikel ein kleiner Anstoß für dich sein, die Bibel (wieder einmal) in die Hand zu nehmen und inmitten der Weisheiten und Geschichten Gottes mit den Menschen deinen eigenen Platz und deinen Weg zu finden.

Eine gesegnete Zeit!

PAss Maria Krimmel


PS: Sollte ich in etlichen Jahren wieder einmal „La Boum“ sehen, bin ich vermutlich schon in der Rolle der lebenslustigen Urgroßmutter Poupette gelandet, die versucht, ihrer Urenkelin mit ziemlich unkonventionellen Ideen in deren Liebeskummer beizustehen…  – wer weiß Lächelnd?

 


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